Bewerbung in Coronazeiten

Unser Interview zum Thema "Bewerbung in der Zeit der Corona-Pandemie"
mit unserem Fachexperten Christian B. Rahe

Herzlichen Dank an dieser Stelle nochmals an Christian für das ausführliche und interessante Interview. Mehr zu seiner Expertise finden Sie auf seiner Homepage hier oder in seinem neuen Podcast.

Die Kernaussagen des Interviews haben wir Ihnen weiter unten nochmals zusammengefasst.

Hallo Christian, Ich freue mich, dass Du heute Zeit gefunden hast, um ein bisschen auf den Bewerbungsprozess in der Corona Pandemie einzugehen. Du bist ja freiberuflicher Bewerbercoach, Unternehmer, Gründer, Buch Autor, Familienvater – ja, möchtest Du uns vielleicht ein bisschen über Dich erzählen?

Ja, gerne! Ich möchte jetzt nicht zu viel erzählen, aber– ja, ich bin Bewerbungscoach, seit über 12 Jahren mittlerweile, bin Ex-Banker, Bank Betriebswirt, hab da auch 13 Jahre relativ glücklich gearbeitet und mache jetzt fast schon genau so lange Bewerbungscoaching. Das heißt, ich unterstütze Bewerber dabei, in gute Arbeitsverhältnisse zu kommen, durch Gestaltung der Bewerbungsunterlagen, durch Selbstreflexion, durch Selbstfindung, berufliche Neuorientierung und neuerdings auch durch Vermittlung.

Ansonsten, wie Du gesagt hast, ich bin Vater von zwei Kindern – zwei Töchtern, eins und vier Jahre alt. Das ist natürlich auch ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens, sodass ich tatsächlich meine Arbeit in Teilzeit, also selbstständige Teilzeit verbringe, von ca. 30 Stunden die Woche und den Rest der Zeit bin ich für meine Familie da.

Schön! Ja…, wir haben es jetzt auch schon angesprochen, Corona Zeit, schwierige Zeit auch im Bewerbungsbereich, man hört immer wieder davon, dass jetzt auch die Stellenausschreibungen massiv zurück gehen, Kurzarbeit ist ein gang ganz großes Thema in Deutschland, die zuständigen Behörden sprechen ja tatsächlich schon von der tiefsten Rezession seit der Nachkriegszeit. Macht sich das auch vielleicht schon bei Dir bemerkbar auch grad bei Deinen Klienten – gehen da potenziell die Einstellungen zurück?

Also die Corona Pandemie oder die Corona Krise sag ich eigentlich eher, weil die Pandemie ist es nicht sondern eher der Umgang mit der Pandemie, der mit den Einschränkungen und so weiter dazu führt, dass sich natürlich einiges verändert. Der macht sich natürlich auch bei mir bemerkbar, also sowohl das ich jetzt nur noch online arbeite komplett aus dem Büro, mit entsprechenden digitalen Möglichkeiten, die Leute begleite und coache, zum anderen merke ich natürlich bei meinen Klienten auch, dass sich da einiges verändert. Die Bewerbungsprozesse sind andere, ja – also die sind anders gesteuert, teilweise unterbrochen, auf Eis gelegt. Es gibt aber auch neue Bewerbungsprozesse, die angestoßen werden, in der Corona Zeit, also es verändert sich nicht nur alles zum Schlechten. Ich denke, man kann jetzt mit der Situation immer nur so ein- zwei Wochen planen, weil dann wieder irgendwelche Lockerungen kommen oder irgendwelche anderen Dinge passieren. Die zweite Infektionswelle wird ja auch erwartet, also der Planungshorizont ist einfach extrem gering gerade. Und das macht definitiv etwas mit uns Menschen insgesamt, also nicht nur mit den Arbeitgebern, sondern auch mit den Menschen, mit den Bewerbern, das einfach eine große Unsicherheit herrscht und die Anfragen häufen sich: ja, lohnt sich das jetzt überhaupt sich noch zu bewerben oder kann ich das jetzt gleich sein lassen? Oder: welche Stelle ist jetzt eigentlich wirklich vakant und welche nicht? Also ganz klar: Corona ist Thema – aber nicht nur. Die Themen, die es bisher gab – die laufen auch weiter.

Ok – Du hast es ja gerade schon selber angesprochen, das ist ja die brennende Frage schlechthin: lohnt es sich, sich weiter zu bewerben? Also ich hab ganz unterschiedliche Meinungen gefunden, von „Zeit nutzen für Familie, für alles, was jetzt im sozialen Bereich so wichtig ist“ bis hin zu „extra viel Gas geben“ weil es jetzt umso notwendiger wird, was denkst Du? Wo ist da so der Mittelweg den man finden muss?

Ja, der Mittelweg, den darf jeder selber finden, ich glaub da gibt’s ja viele persönliche Mittelwege und den muss man für sich einfach finden. Bei mir zum Beispiel ist es ja so, dass ich eben auf Grund meines Onlinecoachings kaum Auftragseinbrüche habe und dementsprechend habe ich jetzt nicht die Zeit mich zurück zu lehnen und, vielleicht auch leider, mehr für meine Familie da zu sein, sondern ich bin halt eigentlich so in der Arbeit drin wie sonst auch. Aber meinen Klienten, denen geht es teilweise schon so, dass die gerade wenn die arbeitssuchend sind, jetzt in der Corona Krise nochmal ein bisschen stärker zurück gesetzt sind, also aus dem operativen, normalen Leben raus, zuhause sein, stark in die Familie eingebunden, keine Planungssicherheit. Denen empfehle ich die Zeit zu nutzen, sich mit sich selber auseinander zu setzten, also, wo will derjenige denn hin? Was könnte es denn noch für Möglichkeiten geben? Was macht mich denn eigentlich auch als Mensch aus? Welche Leidenschaften hab ich, welche Werte hab ich? Also vielleicht nicht so schnell zu handeln, weil´s im Moment auch nicht geht. Ja, also im Moment geht vieles langsamer durch Corona, auch der Bewerbungsprozess. Sondern dann zu sagen, ich nehme mir die Zeit, wenn ich die jetzt teilweise ohnehin schon geschenkt bekommen habe, durch das System, durch die Umstände, und nehme mir dann ganz bewusst die Zeit um bewusst mich auszurichten und neue Ziele zu finden und dann strategisch anzugehen. Und der Bewerbungsprozess ist per se ein strategischer Prozess. Also, sollte man da auch nichts übers Knie brechen. Und da hat man jetzt vielleicht ein bisschen mehr Zeit als sonst.

Was an sich ja eigentlich eine recht schöne Angelegenheit ist, für Viele. Du hast jetzt aber grad auch schon gesagt, Du bist selber mittlerweile mehr Onlinecoach als Präsenzcoach in dem Sinne – viele entdecken ja momentan das Medium mehr oder weniger ganz neu für sich, auch in Unternehmen und eben auch im Bewerbungsprozess – hab ich jetzt schon einige Stimmen gehört, die gesagt haben, ok, wir machen das jetzt einfach so, dass wir nur noch virtuell die Vorstellungsgespräche führen. – Generell, wie siehst du das? Findest Du das ist eine schöne Variante? Auch für den Bewerber vielleicht? Und hast du uns vielleicht den ein oder anderen Tipp, der dabei unterstützen könnte?

Also, die Bewerbungsprozesse bei den Firmen laufen sehr unterschiedlich ab. Also, es gibt tatsächlich Unternehmen, von denen ich mitbekommen habe, durch meine Klienten, oder auch durch Telefonate, die gehen in so eine „freeze-Position“, also die stellen jetzt im Moment keinen ein, die Bewerbungsprozesse stehen still, die sind, sag ich mal, am Verharren und warten darauf, dass sich wieder Lockerungen ergeben und das man wieder raus kann. Das sind sicherlich einige Unternehmen und da gibt’s auch noch Stellenausschreibungen am Markt, die von vor der Krise sind und die irgendwie vielleicht noch gehalten werden oder die rausgeflogen sind. Also wo keine Stellenausschreibungen mehr da sind, nach dem Motto, wir wissen jetzt gar nicht wie es weiter geht – wir machen erst mal nix. Dann gibt es die Unternehmen, die sind relativ agil, die können reagieren mit digitalen Möglichkeiten, sprich Videocall beispielsweise. Also statt eines persönlichen Treffens, wird ein Telefonat gemacht oder ein Videocall mit Skype zum Beispiel oder Zoom und dann wird sich letztendlich trotzdem kennengelernt. Also man geht den Bewerbungsprozess weiter, vielleicht sogar bis zum onboarding, vielleicht sogar bis zum Arbeitsvertrag und darüber hinaus. Vielleicht aber auch nur bis kurz davor, das man sagt, man macht jetzt alles digital was möglich ist, aber so ein letztes persönliches Kennenlernen ist dann doch noch entscheidend bevor wir den Arbeitsvertrag unterzeichnen. Aber es gibt tatsächlich Unternehmen, die gehen sogar in einen Onlineonboardingprozess rein, insbesondere im IT-Bereich durchaus möglich, wenn es da eh digital geführte Teams gibt, die sich also in ganz Deutschland verteilen oder in der ganzen Welt. Dann kann man im Prinzip den Bewerbungsprozess  auch digital gestalten. Also gibt’s durchaus Unternehmen, die so was auch gestalten. Und dann  gibt’s natürlich auch jede Menge dazwischen, ja, also grundsätzlich lohnt es sich schon, in dieser Zeit auch sich zu bewerben, also jetzt nicht als Bewerber zu sagen, da geht sowieso nix, sondern dann eher, da kann ich nachher vielleicht nochmal darauf eingehen, auf den verdeckten Arbeitsmarkt zu gucken, der wahrscheinlich jetzt nochmal ein bisschen größer ist.

 

Tipps zum Thema Bewerbungsprozess, jetzt auch online geführt, wer den hat – ein schneller Internetanschluß ist natürlich das Nonplusultra, wenn man jetzt nicht direkt auf dem Land wohnt, denke ich sollte das möglich sein, dass man einen Videocall macht, ansonsten müsste man sich für einen Videocall wirklich einen schnellen Internetanschluß besorgen, also sprich vielleicht bei Freunden unterkommen oder so, dass man einfach einen stabilen Internetanschluß hat, wo das Bild nicht flackert oder wo nicht der Ton verzerrt  wird oder ähnliches. Das ist so die technische Seite. Eine Webcam braucht man, also die in einem Notebook eingebaute, oder auch die im Handy reicht normalerweise aus. Da muss man nicht mehr viel machen, so rein von der Klamotte her muss man halt gucken, genau so, wie im normalen Interview auch, dass man angemessen seine Accessoires anbringt, und vernünftig aussieht. ja, so von der Einteilung her im Bild, das man gut zu sehen ist, also das der Kopf insbesondere natürlich zu sehen ist und nicht irgendwie, das man da so halb unten vergeht oder das Licht nicht gut ist. Also ich hab jetzt hier zum Beispiel extra Licht angemacht, dass einfach die Ausleuchtung gut ist. Ja und dann natürlich so Kleinigkeiten, wo einige nicht dran denken, wenn man dann im heimischen, häuslichen Umfeld ist, dann läuft vielleicht auch irgendwie mal ein Kind hinten vorbei oder der Mann oder die Frau mit dem Wäschekorb oder so, hab ich alles schon erlebt, das ist eher vielleicht witzig oder charmant, also das ist gar nicht mal so negativ. Aber man sollte sich als Bewerber natürlich bewusst sein, dass das alles Dinge sind, die in der Kommunikation mit rüber kommen. also man gibt da relativ viel über sich preis, viel viel mehr als in einem Jobinterview vor Ort, wo man ja nur sich selbst mitnimmt. So zeigt man ein Stück weit seine Wohnung, den Hintergrund, vielleicht die Familie und da muss man sich drüber bewusst sein, also was ist da im Hintergrund, wer ist da gerade da, wer ist vielleicht auch im Ton mit drin, ist die Familie instruiert ruhig zu sein und vielleicht jetzt nicht irgendwie die größten Kalauerwitze im Hintergrund zu erzählen oder irgendwie so was. Darauf einfach achten, das ist ganz ganz wesentlich!

Ja, das ist mal so das, was mir spontan einfällt dazu.

Lange Zeit war ja auch Videobewerbung ein generelles Thema bei den Unternehmen. Glaubst du, dass es in Zukunft für Unternehmen ein Verstärktes Thema sein wird, da sie hier ggf. etwas mehr Gefühl für den Bewerber bekommen könnten?

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht so viel spekulieren. Ich lese viel in der HR-Szene und dort gibt es viele Multiplikatoren, Sprecher und Stimmen, welche die Stimmen anderer Personaler sammeln und bündeln. Hier gibt es einen sehr interessanten Personalblogger – Stefan Scheller. Er hat hier einiges zu den Ereignissen der letzten Wochen in einem HR-Ticker zusammengetragen. Hier ist inzwischen wieder die Rede davon, dass die Leute zurück an den Arbeitsplatz wollen. Da hat man am Anfang gedacht die Leute sind so glücklich zuhause zu arbeiten und die Home-Office-Landschaft wird sich total verändern und der Gesetzgeber hat sogar das Recht auf Home-Office in die Wege gebracht. Nun werden aber die ersten Stimmen laut, dass der Wunsch nicht mehr da ist.

Es wird derzeit einfach wild spekuliert, was wird nach der Krise sein. Ich denke es wird sich definitiv etwas verändern. Allein dadurch, dass wir jetzt viel mehr digital miteinander kommunizieren und viele feststellen, dass es gut funktioniert. Dies schafft Offenheit, die vorher nicht da war. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass dieses Video-Interview ein fester Bestandteil bei einigen Unternehmen wird.

Ich möchte jedoch nicht mutmaßen was sich nach der Krise alles ändert. Ich bin eher gespannt, was passiert, wie schnell sich die Veränderungen einstellen und rechne mit Allem, auch im Personalbereich.

Dann können wir ja gespannt sein, was auf uns in Zukunft noch zukommen wird. Bevor ich jetzt aber in RichtungAusbildungsmarkt gehe. Du hattest gerade noch ein Thema angesprochen, welches wir noch davor besprechen sollten. Der verdeckte Arbeitsmarkt. Was möchtest du uns hierzu noch erzählen?

Ja gerne. Denn dort möchte ich nochmal Bezug auf die Frage von vorhin nehmen „lohnt sich das Bewerben in der Corona Zeit überhaupt?“. Denn alle Unternehmen stehen ja still und da braucht man sich ja nicht bewerben. Hier einfach mal der Hinweis: Der verdeckte Arbeitsmarkt sei, lt. Dunkelziffer, ca. 70% des Gesamtarbeitsmarktes. Genau nachvollziehen lässt es sich schwer, da es sich um einen verdeckten Arbeitsmarkt handelt. Jedoch gibt es Studien, Untersuchungen und Befragungen von Unternehmen. D.h. das was wir an Stellenausschreibungen sehen, ist gerade mal ein Drittel aller verfügbaren Stellen. Und sich nur auf diese Stellen zu bewerben, lässt ein enormes Potential aus. Dieses Potential ist jetzt in der Krise noch viel größer. D.h. konkret sich mit Unternehmen in Verbindung zu setzten, Kontakte aufzunehmen und sein Netzwerk auszubauen um für einen späteren Zeitpunkt gewappnet zu sein. Vielleicht nicht jetzt, aber evtl. nach der Krise. Das ist Gold wert, weil ein Unternehmen nicht unbedingt eine Stelle ausschreibt, wenn es hier einen Talentpool gibt. Hier werden erstmal die Kontakte abgefragt, die bereits existieren. Und so ist man im Rennen ohne im Konkurrenzkampf mit anderen zu stehen. Und hier sehe ich immer wieder Hemmungen und Hemmschwellen meiner Klienten. Die Befürchtungen sind aus meiner Sicht unberechtigt. Das Schlimmste was passieren kann ist ein „nein – wir brauchen derzeit niemanden“. Das beste was passieren kann ist „spannend, schicken Sie uns doch mal Ihre Unterlagen“. D.h. ich habe als Bewerber nicht das Standardbewerbungsverfahren. Ich muss evtl. sogar nur den Lebenslauf mit Bezug auf das Gespräch zusenden.

Dieser verdeckte Arbeitsmarkt ist immer da. Ich kann es leider nur schätzen, gehe aber davon aus, dass dieser derzeit sogar noch größer ist, da viele Unternehmen ihre Stellenangebote zurückgezogen haben. Aber wenn sich nun jemand initiativ bewirbt, dann wird nichts verbindlich eingegangen. Und hier besteht jetzt die Chance für die Zeit nach der Krise auf den ersten Plätzen zu sein.

Wäre dies dann eine Alternative für die, die jetzt noch fest in Lohn und Brot sind, aber entweder schon länger darüber nachdenken die Position oder das Unternehmen zu wechseln bzw. sich auch unsicher sind wie ihr Unternehmen mit dieser Situation weiter umgehen wird.

Klar. Ich bin auch ein Freund davon die Krise als Chance zu sehen. Hier gibt es auch aus dem asiatischem eine Übersetzung dazu, „Krise als Chance“. Chancen zu nutzen ist das eine, aber generell proaktiv zu sein und sich selbst als seine Arbeitskraft zu vermarkten ist wichtiger denn je. Es ist ja auch kein Verlassen des jetzigen Arbeitgebers, sondern ein offenhalten von Augen und Ohren für den Fall, dass man gekündigt wird oder Ähnliches. Hier gab es auch eine interessante Untersuchung von Indeed. Hier wurde festgestellt, dass z.B. IT-ler, welche verhältnismäßig einen sicheren Job haben verstärkt auf der Suche nach neuen Stellen sind. D.h. obwohl die mit am weitesten von einer Kündigung entfernt sind schauen sich derzeit nach neuen Arbeitgebern um. Dies ist nicht unvernünftig. Corona sorgt für eine Verschiebung im Arbeitsmarkt.

Spannend. Vor allem wird sich zeigen, ob das auch noch andere Bereiche für sich entdecken, die bis dato noch nicht so honoriert werden, wie sie es ggf. werden sollten.

Genau. „Systemrelevante Berufe“ finde ich auch ein ganz spannender Begriff der jetzt getauft wurde. Was ist systemrelevant? In erster Linie die Sachen die irgendwie laufen müssen. Aber es gibt viele Berufe die fallen jetzt selbst in der Krise noch immer nicht auf und sind trotzdem systemrelevant – also relevant für unseren Alltag. Ich weiß nicht ob es immer eine Krise braucht um unser Bewusstsein zu schärfen für diese Berufsgruppen. Aber ich finde es gut den Trend zur Bewusstseinsveränderung zu sehen. Denn da gibt es immer noch viele Berufsgruppen die stark unterbezahlt sind. In wie fern sich das halten wird nach Corona ist dahingestellt. Wir sind ja gerne vergesslich.

Dann hoffen wir mal das Beste für all diese Berufe. Im Zuge dessen könnte man sagen „Augen auf bei der Berufswahl“ und sind damit schon beim nächsten Thema. Die Auszubildenden bzw. Newcomer in der beruflichen Szene haben es ja tendenziell jetzt schwerer als normal. Gibt es hier deinerseits Erfahrungen, wie man damit umgehen kann, speziell von Bewerberseite?

Die typischen Berufsstarter habe ich nicht so oft. Eher die Menschen, welche bereits Berufserfahrung haben. Aber gerade gestern habe ich mit einem Klienten und „Berufseinsteiger“ gesprochen. Ich würde nicht sagen, dass es hier unbedingt Veränderungen geben wird. Wenn jetzt jemand eine Berufsausbildung und noch keine Berufserfahrung hat, dann ist es egal ob Coronazeit oder nicht. Hier ist das Problem, dass er sein erworbenes Wissen noch nicht wirklich praktisch anwenden konnte. Sprich er konnte noch keine Erfahrungen sammeln. Die Arbeitgeber sagen dann tendenziell – tolle Erfahrung, aber leider keine Erfahrung. Schwierig wird es dann, wenn das Studium länger zurück liegt. Das wird sich durch Corona denke ich auch nochmal verändern. Die Geschwindigkeit von Veränderung nimmt durch den digitalen Wandel zu. Und hier werden auch neue Prozesse und Ideen aufkommen. Ich denke hier wird sich in den nächsten fünf Jahren mehr verändern als sich in den letzten fünf Jahren verändert hat. Und hier sehe ich die Problematik, wenn man zu lange braucht um in den Beruf einzusteigen, weil das Wissen schonwieder veraltet ist. D.h. das Lernen findet mehr und mehr on-the-job statt. Also mehr im Beruf, neben dem Beruf und nicht mehr in Blöcken wie es viele Jahrzehnte war. Und ich denke hier werden wir umdenken müssen. Lebenslanges Lernen als integraler Bestandteil unseres Berufslebens.

Eine Meinung, die nicht nur du als Experte vertrittst, sondern auch viele Anderen aus der Branche. Nun aber mit Blick auf die Uhr an dieser Stelle schonmal ein herzliches Dankeschön für deine Zeit. Ich bin mir sicher, dass wir die wichtigsten Fragen klären konnten. Und wie heißt es gerade so schön: "Bleib gesund!"

Vielen Dank. Das wünsche ich dir auch und danke, dass ich heute hier sein durfte.

Anmerkung: Das Interview wurde nicht im vollen Wortlaut übernommen und der Lesbarkeit halber entsprechend umformuliert.